Von Deutschland aus mit dem Zug nach Spanien.
Ein nostalgischer Rückblick…
Mit Nostalgie werden die, die gern auch im Süden Europas ihr Auto oder Motorrad in der Ferienzeit oder auch zu einem anderen Anlass nutzen, sich vielleicht an den Autozug zwischen Narbonne in Südfrankreich und Hamburg erinnern. Für Reisende aus Zentral – und Nordeuropa stand dieses fantastische Angebot zur Verfügung. So war es kein Wunder, dass diese Züge dann auch schnell ausgebucht waren. Von der spanischen Grenze sind es ein bis zwei Autostunden nach Narbonne in Südfrankreich. Somit war diese südfranzösische Stadt mit ihrer wechselhaften Geschichte seit der Römerzeit ein perfekter Ausgangspunkt für den Autozug. Ein absoluter Luxus, wenn man bedenkt, dass man sich dann an jeweils nachmittags lässig im Zug zurücklehnen konnte. Die Landschaft zog an einem vorbei und nach einer Nacht im Liegewagen rollte man am nächsten Mittag im Bahnhof Hamburg-Altona ein. Es war ein buntgemischtes Publikum von Familien mit Kind und Hund bis hin zu Motorradfahrern, die dieses Angebot dankbar angenommen hatten. Auch viele Skandinavier waren damals mit dabei, wie eine große europäische Familie. Vergangene Zeiten, die man mit leichter Melancholie erinnert.
Das war eine der letzten Initiativen unter Beteiligung der deutschen Bahn in den letzten Jahrzehnten in Richtung iberischer Halbinsel.
Aber so wie die Nachtzüge im Rahmen der Rationalisierung der Bundesbahn Anfang dieses Jahrhunderts dem Sparstift zum Opfer fielen, gab es auch für diesen Autozug keine Zukunft.
Hamburg – Mannheim – Paris – Barcelona in 16 Stunden.
Die Hürden beim Buchen einer länderübergreifenden Zugreise sind längst nicht mehr so groß wie vor ein paar Jahren. Nach Jahren des Stillstands und einem Desinteresse von Seiten der deutschen Bahn zeigt sich jetzt ein Wille zum Europäismus auf den Schienen.
Heute können Sie sich zum Beispiel um 4 Uhr morgens in Hamburg in einen Intercity nach Interlaken in der Schweiz setzen. Bei einem Kaffee im Bordrestaurant oder an ihrem Platz fahren Sie mit bis zu 250 Stundenkilometer (angezeigt während verschiedener Teilabschnitte zwischen Hannover und Frankfurt) ihrem ersten Etappenziel Mannheim entgegen. Und wenn alles gut läuft und der Fahrplan eingehalten wird, haben Sie die notwendige Viertelstunde Zeit zum Umsteigen in den ICE nach Paris. Dann in Paris selbst geht es mit fliegenden Koffern vom Gare de L’Est zum Gare de Lyon. Von dort startet unser „mediterranean Express“, der TGVE, mit einer Direktverbindung nach Barcelona.
Wo es vielleicht vor ein paar Jahren noch eine ordentliche Portion Idealismus gebraucht hätte, um sich in solch ein Abenteuer zu stürzen, kann heute diese Reise schon mit einer Art lässigen Routine angegangen werden.
Und wer einmal den Zustand eines entspannten Genießens einer Bahnfahrt erlebt hat, wird diesen nur schwer tauschen wollen mit endlosen Schlangen beim Check-in. Dann das beengte Sitzen in einem Charter- oder auch Linienflug. Oder gar tauschen wollen mit dem stressigen Fahren, oft Stop and Go, auf den Autobahnen.
Improvisation gehört zum täglich Brot bei einer paneuropäischen Bahnfahrt
Inzwischen haben wir erfolgreich den Anschlusszug nach Paris erreicht. Auch wenn nur unter Zuhilfenahme eines kleinen Tricks. Bei der Einfahrt im Bahnhof Frankfurt gab es den Hinweis auf das Umsteigemöglichkeit auf einen Zug nach Paris. Und – oh Wunder – das war unser Zug mit dem eigentlich geplanten Wechsel in Mannheim. Wir zogen also kurz entschlossen die Aktionskarte am Bahnhof Frankfurt. Und es sollte sich auf glückliche Weise auszahlen. Denn unser Zug aus Hamburg hatte auf der Strecke zwischen Frankfurt und Mannheim einen technischen Defekt, wie wir später im Gegencheck in der Bahn App entnehmen konnten. Die Ankunft in Mannheim hätte sich um eine Viertelstunde verzögert. Und der Zug nach Paris wäre ohne uns gefahren, wenn wir wie geplant bis Mannheim in unserem ersten Zug geblieben wären.
Mit dem ICE von Deutschland nach Paris
Nach 2 weiteren regionalen Stationen in Kaiserlautern und Saarbrücken und noch auf der deutschen Seite genießen wir eine Fahrt im Stil „sightseeing“, die uns gemächlich durch Wein- und Waldlandschaften von Rheinland-Pfalz und Saarland führt. Dann ab der französischen Grenze zeigt die Zugmaschine, was in ihr steckt. Sie beschleunigt auf eine Durchschnittsgeschwindigkeit von zwischen 300 und 318 km/h. Seit Hamburg begleitet uns eine typisch spätherbstliche Landschaft mit nebelverhangenen impressionistisch hingehauchten endlosen Grautönen. Sodass auch bei einer hohen Geschwindigkeit die Natur fast eingefroren wirkt.
Man braucht nicht ein überzeugter Klimaaktivist zu sein, um sich auf die Seite der ständig wachsenden Gemeinschaft von Zugreisenden zu schlagen. Es bringt einfach auch Spaß, es ist inspirierend und extrem entspannend, auf diese Weise durch Europa zu reisen.
Die Ankunft in Paris superpünktlich. Damit kann auch das Umsteigen vom Gare de L’Est zum Gare de Lyon ohne Eile erfolgen. Wir wählten den im Vergleich zur U-Bahn etwas langsameren Bus. Ein vorher noch im Zug über die App der SNCF heruntergeladene Ticket kostet 2,15 € pro Person. Eine wunderbare Fahrt durch das historische Paris zunächst über den Boulevard de la Magenta und später vorbei an dem Place de la République und der Bastille. Bewundernswert, wie diese vibrierende Millionenstadt ihre Dynamik behalten hat und doch gleichzeitig viel humaner geworden ist durch die Zurückdrängung des Autoverkehrs, die klare Separierung der Fahrradwege, die exklusiven Busspuren und viel mehr Freiräume für den Fußgänger. Nicht zuletzt ablesbar an entspannten stressfreien Kommunikationen, die sowohl der Busfahrer als auch ein paar reizvolle ältere Damen verbreiten. Sie sind sich nicht zu schade, den Bus als ihr temporäres Verkehrsmittel anzusehen. Ihre Heiterkeit wirkt ansteckend auch für den Rest der Mitreisenden.
Hier einige Initiativen, Stimmen und Absichtserklärungen, die ein neues Zeitalter im grenzübergreifenden Bahnverkehr zwischen der iberischen Halbinsel und Frankreich und damit dem übrigen Europa einläuten können:
Die Costa Brava Initiative: Die Handelskammer von Girona setzt klar auf den Nachtzug zwischen Girona und Mitteleuropa. Damit soll Girona und sein touristisch und kulturell hoch interessantes Umland mit den wichtigen Hauptstädten Europas verbunden werden. Auch hier versteht man sich als Vorreiter, um eine Alternative zu den Billigflügen zu schaffen, die Girona mit dem Rest Europas verknüpft. Hier soll ein Individualpublikum angesprochen werden. Diese Art von Reisenden sind oft auch klimabewusster in ihren Entscheidungen und sind nicht unbedingt Fans der großen Bettenburgen von Lloret de Mar. Von daher hoffen die Beweger dieser Idee in einem Trend zu liegen. Gleichzeitig setzen sie auf die Anziehungskraft des Mythos des Nachtzuges.
Die Ile de France Initiative: Der französische Präsident hat schon mehrmals klar gemacht, dass Inlandsflüge durch die Bahn ersetzt werden. Damit ist ein wichtiger Baustein zwischen Spanien und Deutschland besetzt. Ein größeres nationales Angebot ergibt logischerweise auch mehr Möglichkeiten für die Nachbarländer, sich mit anzukoppeln und grenzübergreifende Angebote zu schaffen.
Die Berlin Initiative: Das deutsche Verkehrsministerium (damals noch unter dem Verkehrsminister Scheuer) brachte 2020 auch einen sehr ambitionierten Vorschlag ein. Mit etwas theatralischen Worten wie Revolution des Bahnverkehrs sollte mit dem Projekt TEE 2.0 ein neuer Trans Europe Express aus der Taufe gehoben werden. Damit möchte man an den Vorläufer anknüpfen, der bis hinein in die 80er Jahre Erfolg hatte. Hier ist zum Beispiel auch die Rede von einer Nachtverbindung von Frankfurt nach Barcelona. Was damals First Class und Luxus bedeutete, soll jetzt unter dem Klimadruck eine für alle rentable Flugalternative werden. Und bis 2025 sollen die Weichen und Schienen gelegt sein. Nur hat man von dieser Initiative seit damals nichts mehr gehört.
Aber letztendlich ist es der pragmatische Weg, den die europäischen Staatsbahnen zur Zeit grenzüberschreitend gehen. Perspektivisch wohl auch erfolgreicher als so viele Rhetorik von Seiten der Politiker.
Foto: Bahnhof Portbou / © michael statsmann www.statsmann.com
Bis Ende letzten Jahrhunderts war der Bahnhof Portbou der offizielle spanische Willkommensbahnhof auf der Mittelmeerseite am Fuß der Pyrenäen gleich nach der französischen Grenze.
Das heutige Gebäude wurde 1929 erbaut, als Bahnhöfe wie Kathedralen konzipiert wurden. Jetzt dient der Bahnhof für den regionalen Schienengrenzverkehr zwischen Katalonien und der Region Languedoc – Roussillon (jetzt Occitanie) in Frankreich.
Dieser Artikel wurde während einer Fahrt von Hamburg nach Barcelona Anfang November 2024 aktualisiert.
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